Velosophics

Reise durch den größten Salzsee der Erde

La Paz haben wir vor Wochen hinter uns gelassen. Immer Richtung Süden navigieren wir uns durch das Hinterland des bolivianischen Altiplanos. Und auf einmal liegt er vor uns: der Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Erde. Wir stehen auf dem letzten steinigen Hügel und der Anblick des Salzes haut uns um. Über 10.000 km2 gleißendes Weiß verschluckt den Horizont. Wie lange wir schon spekuliert haben wie es wohl wäre über Salz zu fahren und jetzt sollte es endlich passieren. Auf in die Unwirklichkeit! Das, was die Erde hier in den folgenden Tagen für uns bereithält, ist unvergleichbar. Vor uns, auf über 3.600 m Höhe, liegt nicht nur unfassbar viel Salz, vor uns liegt auch eine 11-Tages-Route durch die menschenleere Lagunen- und Wüstenlandschaft im Südwesten Boliviens, die bis nach San Pedro de Atacama in Chile reicht. 

Das Salz knistert und knackt unter den Reifen. Wir vermeiden Jeep-Spuren, um wirklich alleine sein zu können. Glücklicherweise nehmen wir einen Jeep bereits aus kilometerweiter Entfernung wahr. Uns erschienen sie dabei so klein wie Ameisen. Es ist unfassbar ruhig, die Luft trocken und klar. Die Nacht mitten in der Salzwüste wird zu einer der eindrucksvollsten der gesamten Reise – das funkelnde Sternenzelt legt sich wie eine Glocke über uns und endet rund um uns herum im Weiß. Wir sind sprachlos. Die ersten zwei Tage auf dem Salz waren zum Genießen. Nun warten 400 km absolut vegetationslose Hochwüste auf uns. Es geht bis auf 5.000 m Höhe durch Temperaturen bis zu -20°C und kaum Versorgungsstationen – ein absoluter Härtetest für unsere Kondition, das Material und auch für uns als Team. Doch wir sind gut vorbereitet, denn wir tragen 25 kg Lebensmittel in unseren Taschen und werden begleitet von einem Gefühl der Ehrfurcht. Die Tage sind extrem. Permanent hin- und hergerissen zwischen Leid und Freude, zwischen Kampf und Faszination, bringt uns diese Route an unsere Grenzen wie noch nie zuvor. Wir schieben und zerren die 65 kg schweren Räder stundenlang durch den Sand, kämpfen und schreien gegen den Wind und verzweifeln beim Aufstellen unseres Zeltes – ohne Windschutz geht da gar nichts.
 

Das Wasser friert nachts zu Eis, wenn wir es nicht am Körper halten, Plastikteile brechen durch, in der Luftpumpe legt sich Sand ab und wir können keine platten Reifen mehr aufpumpen. Gleichzeitig bringt uns die Route zu Naturschauplätzen der Extraklasse. Unsere Extremtour führt vorbei an hunderten Flamingos in atemberaubenden Lagunen, an rauchenden und blubbernden Geysiren, imposanten Vulkanketten, und an heißen Quellen, wo wir uns das nächtliche Bad nicht nehmen lassen. Die Farben dieser Landschaften lassen sich kaum in Worten beschreiben. Nach neun Tagen erreichen wir erschöpft die Migración. Wir lassen damit Bolivien hinter uns und befinden uns nun auf chilenischem Boden. Die Grenzbeamten schauen uns ungläubig an. „In der letzten Woche hatten wir hier den heftigsten Wind des ganzen Jahres – und ihr kommt mit dem Fahrrad an?!“ Ja – und für uns war es der heftigste Wind unseres Lebens. Einige Kilometer hinter der Grenze stoßen wir nach mittlerweile fünf Wochen auf Sand- und Schotterpisten auf die erste Asphaltstraße. Wir freuen uns wie kleine Kinder und fallen zu Boden. Lena und Hardy sind 2012 und 2013 mit Supernova durch Europa und Lateinamerika gefahren. Mit ihrer Tour sammeln sie Spenden für die Organisation World Bicycle Relief, um Menschen in Entwicklungsregionen mit Fahrrädern zu mobilisieren. Mehr Geschichten und Bilder sowie Infos zu ihrem Spendenprojekt gibt es unter:

www.velosophics.de 

Text: Lena Kleine-Kalmer | Bilder: Hardy Handel